Stille, in der alles da ist — eine systemische Artikelserie. (Teil 4 von 6)
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Ulrich Watermann, M.A., systemischer Berater und Changemanager beim LUVIA Institut, schließt mit diesem Beitrag seine sechsteilige Serie ab — eine Reflexionsreihe für Menschen, die beruflich Verantwortung tragen und sich in diesem Sommer gefragt haben, wer sie eigentlich sind, wenn niemand etwas von ihnen will.
Der letzte Urlaubstag hat eine eigene Schwere. Der Koffer ist gepackt, morgen früh geht es zurück. Es ist keine Traurigkeit, die sich da meldet. Eher eine leise Ahnung. Der Kontext und das Verhalten nach dem Urlaub gehören zusammen — das ist die zentrale Einsicht dieser Serie. Denn der Kontext, der die letzten Tage oder Wochen ausgesetzt war, kommt zurück. Und mit ihm eine Frage: Übersteht das, was in der Stille sichtbar wurde, die Rückkehr in den Lärm?
Eine beruhigende Antwort gibt es dafür nicht. Aber die Frage selbst ist bereits ein Fortschritt.
Die Illusion der Mitnahme
Man kann Erkenntnisse nicht einpacken wie Souvenirs. Das gespürte Selbst auf der Bank, die stille Wahrnehmung dessen, was der Kontext einem abverlangt — all das war an eine bestimmte Situation gebunden. An Zeit ohne Termine. An einen Ort ohne Erwartung. An einen Zustand, in dem das Nervensystem nicht mehr auf Außenreize ausgerichtet war.
Warum verändert sich das Verhalten, sobald der Arbeitsalltag zurückkommt? Weil Verhalten immer eine Antwort auf den jeweils geltenden Kontext ist — nicht eine stabile Eigenschaft der Person. Kontext, im systemischen Sinne, bezeichnet die Gesamtheit der äußeren Bedingungen, die unser Erleben und Handeln rahmen: Rollen, Erwartungen, Zeitdruck, soziale Strukturen. Sobald der erste Termin wieder im Kalender steht, ändert sich der Kontext — und mit ihm das Verhalten. Das ist weder gut noch schlecht; es ist einfach so.
Wer erwartet, den Sommer als fertigen Zustand mit nach Hause zu nehmen, wird enttäuscht. Der Zustand bleibt nicht. Er kann es auch nicht, weil er nie eine Eigenschaft der Person war, sondern eine Antwort auf einen bestimmten Kontext.
Was wirklich bleiben kann
Was bleibt nach dem Urlaub wirklich — Zustand oder Erkenntnis? Es bleibt nicht der Zustand der Erholung, sondern die Unterscheidung: das Wissen, dass ein anderer Zustand möglich ist. Das ist, systemisch gesprochen, das eigentlich Wertvolle. Eine Unterscheidung, im systemischen Sinne, ist die Fähigkeit, zwei Zustände als verschieden wahrzunehmen — und damit eine neue Handlungsoption zu besitzen.
Was bedeutet „Unterscheidung" im systemischen Sinne? Eine Unterscheidung ist eine Erkenntnis, die sich nicht rückgängig machen lässt. Wer einmal erlebt hat, wie es sich anfühlt, nicht zu rechnen, nicht zu funktionieren, einfach nur da zu sein, hat diese Möglichkeit registriert. Nicht als Dauerzustand. Sondern als Wissen, dass es diese Möglichkeit gibt.
„Eine Unterscheidung, die man einmal getroffen hat, lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Man kann sie ignorieren. Man kann sie vergessen. Aber sie ist da."
Diese Erinnerung ist leise, kein Zustand. Sie meldet sich vielleicht in einem Meeting, das zu dicht getaktet ist. Oder abends, wenn der Kopf nicht aufhören will zu arbeiten. Ein kurzer, kaum wahrnehmbarer Vergleich: So war es auf der Bank. So ist es jetzt. Beides ist wahr, in diesem Moment.
Diese Erinnerung verändert nichts sofort. Aber sie ist ein Anfang.
Den Kontext mitgestalten
Kontext ist mächtig — das war der rote Faden dieser Serie. Aber Kontext ist nicht Schicksal.
Wie kann man den Kontext im Berufsalltag bewusst mitgestalten? Kleine Verschiebungen sind möglich, und sie beginnen mit bewussten Entscheidungen: einen Termin weniger dicht legen, eine Grenze etwas bewusster ziehen als zuvor, sich öfter fragen — bevor man Ja sagt — was das von einem verlangt und ob das dauerhaft tragbar ist. Diese Fragen sind keine Technik. Sie sind eine Haltung.
Kein Programm. Keine Fünf-Schritte-Anleitung für den ersten Arbeitstag nach dem Urlaub. Das würde genau das wiederholen, was diese Serie infrage gestellt hat: die Vorstellung, dass sich innere Zustände über Technik herstellen lassen.
Der Kontext, in dem wir leben, ist von Menschen gemacht. Auch wenn er sich oft anfühlt wie eine Naturgewalt. Und was von Menschen gemacht ist, lässt sich — in kleinen Schritten — auch von Menschen verändern.
Wer bist du, wenn niemand etwas von dir will?
Diese Serie begann mit einer Unruhe. Dem ersten Urlaubstag, an dem das Handy auf dem Tisch lag, keine Entscheidung wartete, keine Rolle besetzt werden musste — und trotzdem kein Aufatmen. Stattdessen ein seltsames, schwer greifbares Gefühl.
Diese Unruhe wurde systemisch gedeutet — nicht als Defekt, sondern als Signal. Wir haben verstanden, warum wir im Büro anders sind als zuhause. Wir haben Erschöpfung als Aussage über einen Kontext gelesen, nicht über eine Person. Wir haben gefragt, warum Wissen allein nicht reicht. Und wir haben, auf einer Blumenwiese, für einen Moment gespürt, wie es sich anfühlt, wenn all das keine Rolle mehr spielt.
Gordon Hempton hat geschrieben, dass Stille nicht die Abwesenheit von etwas ist, sondern die Gegenwart von allem. Das gilt auch für diesen Sommer. Es war nicht die Abwesenheit vom Alltag. Es war die Gegenwart von etwas, das im Alltag selten Raum bekommt.
Die Unruhe am Anfang und die Ruhe, die sich manchmal einstellte, waren nie zwei getrennte Dinge. Sie waren zwei Seiten derselben Bewegung: der Bewegung hin zu der Frage, wer man eigentlich ist, wenn niemand etwas von einem will.
Diese Frage endet nicht mit dem Urlaub. Sie beginnt gerade erst.
Quellen
Odell, J. (2019): Nichts tun. Wie man sich der Aufmerksamkeitsökonomie widersetzt. S. 10, 29, 52.
Hempton, G.: Welcome to One Square Inch: A Sanctuary for Silence at Olympic National Park. Zitiert nach Odell (2019), S. 52.
Stille, in der alles da ist — eine systemische Artikelserie. (Teil 6 von 6) Eine Reflexionsreihe für Menschen, die beruflich Verantwortung tragen und sich in diesem Sommer die Frage erlaubt haben, wer sie eigentlich sind, wenn niemand etwas von ihnen will. Erschienen auf LinkedIn, Juli 2026.
Ulrich Watermann, M.A. ist systemischer Berater, Changemanager und Senior Agile Coach beim LUVIA Institut. Er begleitet Führungskräfte und Organisationen in Veränderungs- und Entwicklungsprozessen.
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