Stille, in der alles da ist — eine systemische Artikelserie. (Teil 6 von 6)
Inhaltverzeichnis
Der letzte Urlaubstag hat eine eigene Schwere. Der Koffer ist gepackt, morgen früh geht es zurück. Was sich meldet, ist keine Traurigkeit – eher eine leise Ahnung: Der Kontext, der die letzten Tage ausgesetzt war, kommt zurück. Und mit ihm eine Frage.
Ulrich Watermann ist systemischer Berater und Changemanager beim LUVIA Institut. In dieser systemischen Reflexion nach dem Urlaub schließt er die Artikelserie Stille, in der alles da ist ab – und fragt, was von einem Sommer wirklich bleibt, wenn der Alltag zurückkommt.
Übersteht das, was in der Stille sichtbar wurde, die Rückkehr in den Lärm? Eine beruhigende Antwort gibt es nicht. Aber die Frage selbst ist bereits ein Fortschritt.
Die Illusion der Mitnahme
Man kann Erkenntnisse nicht einpacken wie Souvenirs. Das ist keine Metapher – es ist systemische Logik.
Warum lassen sich Urlaubsgefühle nicht in den Alltag mitnehmen? Weil Zustände wie Ruhe oder Leichtigkeit keine Eigenschaften der Person sind, sondern Antworten auf einen bestimmten Kontext. Das gespürte Selbst auf der Bank, die stille Wahrnehmung dessen, was der Kontext einem abverlangt – all das war an eine bestimmte Situation gebunden: Zeit ohne Termine. Ein Ort ohne Erwartung. Ein Zustand, in dem das Nervensystem nicht mehr auf Außenreize ausgerichtet war.
Sobald der erste Termin wieder im Kalender steht, ändert sich der Kontext. Und mit ihm das Verhalten. Das ist weder gut noch schlecht – es ist einfach so.
Wer erwartet, den Sommer als fertigen Zustand mit nach Hause zu nehmen, wird enttäuscht. Der Zustand bleibt nicht, weil er nie eine Eigenschaft der Person war. Er war eine Antwort auf einen Kontext, der nun nicht mehr vorhanden ist.
Man kann Erkenntnisse nicht einpacken wie Souvenirs – sie waren immer eine Antwort auf einen Kontext, nicht eine Eigenschaft der Person.
Was wirklich bleiben kann
Was also kann bleiben, wenn nicht der Zustand selbst?
Eine Unterscheidung. Das ist – systemisch gesprochen – das eigentlich Wertvolle. Eine systemische Unterscheidung ist das Wissen, dass eine andere Art des Seins möglich ist, auch wenn der Zustand selbst nicht anhält. Wer einmal erlebt hat, wie es sich anfühlt, nicht zu rechnen, nicht zu funktionieren, einfach nur da zu sein, hat eine neue Möglichkeit zur Verfügung. Nicht als Dauerzustand. Sondern als Wissen, dass es diese Möglichkeit gibt.
Diese Unterscheidung lässt sich nicht rückgängig machen. Man kann sie ignorieren, man kann sie vergessen – aber sie ist da.
Sie meldet sich vielleicht in einem Meeting, das zu dicht getaktet ist. Oder abends, wenn der Kopf nicht aufhören will zu arbeiten. Ein kurzer, kaum wahrnehmbarer Vergleich: So war es auf der Bank. So ist es jetzt. Beides ist wahr, in diesem Moment.
Diese Erinnerung verändert nichts sofort. Aber sie ist ein Anfang.
Eine Unterscheidung, die man einmal getroffen hat, lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Man kann sie ignorieren. Man kann sie vergessen. Aber sie ist da.
Kontext lässt sich mitgestalten
Kontext ist mächtig. Das war der rote Faden dieser Serie. Aber Kontext ist nicht Schicksal.
In der systemischen Beratung meint Kontext die Gesamtheit der Bedingungen, unter denen Menschen handeln: Erwartungen, Rollen, Strukturen, Takt. Kontext formt Verhalten – als mächtige Rahmung, die sich in kleinen Schritten mitgestalten lässt. Nach dem Urlaub bewusster mit Kontext und Erschöpfung umzugehen bedeutet nicht, ein neues Programm zu starten. Es bedeutet: kleine Verschiebungen wagen.
Ein Termin weniger dicht gelegt. Eine Grenze, die etwas bewusster gezogen wird als vorher. Eine Frage, die man sich künftig öfter stellt, bevor man Ja sagt: Was verlangt das von mir – und ist das dauerhaft tragbar?
Daraus ein Programm zu machen wäre ein Fehler. Keine Fünf-Schritte-Anleitung für den ersten Arbeitstag nach dem Urlaub. Das würde genau das wiederholen, was diese Serie infrage gestellt hat: die Vorstellung, dass sich innere Zustände über Technik herstellen lassen.
Was stattdessen trägt: Der Kontext, in dem wir leben, ist von Menschen gemacht. Auch wenn er sich oft anfühlt wie eine Naturgewalt. Und was von Menschen gemacht ist, lässt sich – in kleinen Schritten – auch von Menschen verändern.
Wer sind Sie, wenn niemand etwas von Ihnen will?
Diese Serie begann mit einer Unruhe. Dem ersten Urlaubstag, an dem das Handy auf dem Tisch lag, keine Entscheidung wartete, keine Rolle besetzt werden musste – und trotzdem kein Aufatmen. Stattdessen ein seltsames, schwer greifbares Gefühl.
Wir haben diese Unruhe systemisch gedeutet: nicht als Defekt, sondern als Signal. Wir haben verstanden, warum wir im Büro anders sind als zuhause. Wir haben Erschöpfung als Aussage über einen Kontext gelesen, nicht über eine Person. Wir haben gefragt, warum Wissen allein nicht reicht. Und wir haben – auf einer Blumenwiese – für einen Moment gespürt, wie es sich anfühlt, wenn all das keine Rolle mehr spielt.
Gordon Hempton hat geschrieben, dass Stille nicht die Abwesenheit von etwas ist, sondern die Gegenwart von allem (zitiert nach Odell, 2019, S. 52). Das gilt auch für diesen Sommer. Es war nicht die Abwesenheit vom Alltag. Es war die Gegenwart von etwas, das im Alltag selten Raum bekommt.
Die Unruhe am Anfang und die Ruhe, die sich manchmal einstellte, waren nie zwei getrennte Dinge. Sie waren zwei Seiten derselben Bewegung: der Bewegung hin zu der Frage, wer man eigentlich ist, wenn niemand etwas von einem will.
Stille ist nicht die Abwesenheit von etwas – sie ist die Gegenwart von allem. (Gordon Hempton)
Diese Frage endet nicht mit dem Urlaub. Sie beginnt gerade erst.
Wer sind Sie, wenn niemand etwas von Ihnen will? Und was würde sich verändern, wenn Sie sich diese Frage öfter stellten – nicht nur im Urlaub?
Quellen
Odell, J. (2019): Nichts tun. Wie man sich der Aufmerksamkeitsökonomie widersetzt. S. 10, 29, 52.
Hempton, G.: Welcome to One Square Inch: A Sanctuary for Silence at Olympic National Park. Zitiert nach Odell (2019), S. 52.
Häufige Fragen
Was ist eine systemische Unterscheidung und warum bleibt sie nach dem Urlaub?
Eine systemische Unterscheidung ist das Wissen, dass eine andere Art des Seins möglich ist – auch wenn der Zustand selbst nicht anhält. Sie entsteht durch Erfahrung, nicht durch Technik, und lässt sich nicht rückgängig machen: Man kann sie ignorieren, aber nicht vergessen. Das macht sie wertvoller als jeden Urlaubszustand.
Warum lassen sich Urlaubsgefühle nicht in den Alltag mitnehmen?
Weil Zustände wie Ruhe oder Leichtigkeit keine Eigenschaften der Person sind, sondern Antworten auf einen bestimmten Kontext. Sobald der Kontext sich ändert – der erste Termin im Kalender steht – verändert sich das Verhalten. Das ist kein Versagen, sondern systemische Logik.
Wie kann ich nach dem Urlaub bewusster mit Kontext und Erschöpfung umgehen?
Nicht durch ein Programm, sondern durch kleine Kontextverschiebungen: einen Termin weniger dicht legen, eine Grenze bewusster ziehen, öfter fragen – Was verlangt das von mir, und ist das dauerhaft tragbar? Der Kontext ist von Menschen gemacht und lässt sich in kleinen Schritten mitgestalten.
Was bedeutet Kontext in der systemischen Beratung für Führungskräfte?
Kontext meint die Gesamtheit der Bedingungen, unter denen Menschen handeln: Erwartungen, Rollen, Strukturen, Takt. In der systemischen Beratung wird Kontext nicht als Schicksal verstanden, sondern als mächtige Rahmung, die sich – bewusst und in kleinen Schritten – mitgestalten lässt.
Ulrich Watermann, M.A. ist systemischer Berater, Changemanager und Senior Agile Coach beim LUVIA Institut. Er begleitet Führungskräfte und Organisationen in komplexen Veränderungsprozessen. → Zum LinkedIn-Profil
Dieser Beitrag ist der abschließende sechste Teil der Artikelserie Stille, in der alles da ist – eine Serie für Menschen, die beruflich Verantwortung tragen und sich in diesem Sommer die Frage erlaubt haben, wer sie eigentlich sind, wenn niemand etwas von ihnen will. Erstmals veröffentlicht auf LinkedIn am 22. Juli 2026.





