Stille, in der alles da ist — eine systemische Artikelserie. (Teil 5 von 6)
Inhaltsverzeichnis
Ein Moment aus dem Urlaub, der mehr erklärt als jede Theorie – und ein Gedanke, der mich seit Wochen begleitet.
Das gespürte Selbst – wenn Stille einfach da ist
Es ist Nachmittag, dritter oder vierter Urlaubstag, ich habe aufgehört zu zählen. Ich stehe auf einer Blumenwiese am Rand eines Weges, den ich noch nie gegangen bin. Vor mir ein Feld, dahinter Bäume, die sich im Wind bewegen, ohne Eile. Ich habe kein Ziel. Keine Uhrzeit im Kopf. Kein Grund, hier zu sein, außer dass ich hier bin.
Und dann passiert etwas, das ich zuerst gar nicht bemerke, weil es so leise ist.
Ich tue Nichts. Nichts!
Kein Blick auf die Uhr, ob noch Zeit für etwas anderes bleibt. Kein Gedanke daran, was als Nächstes kommt. Kein inneres Abarbeiten einer Liste, die es hier gar nicht gibt. Ich bin, zum ersten Mal seit Tagen, ganz an dem Ort, an dem mein Körper gerade ist.
Das klingt banal, ist es aber nicht.
Ein Moment, kein Konzept
Ich könnte diesen Moment jetzt erklären. Ich könnte über Kontext sprechen, über das Nervensystem, über die Frage, was Wahrnehmen von Wissen unterscheidet. Das habe ich in den letzten Texten dieser Serie getan, und es hat, so denke ich, seinen Platz gehabt.
Aber dieser Moment auf der Blumenwiese lässt sich nicht erklären. Er lässt sich nur beschreiben.
Es gibt einen Begriff für das, was ich dort erlebt habe: das gespürte Selbst. Ein Zustand, in dem sich Denken und Erleben nicht mehr trennen lassen, in dem keine sprachliche Beurteilung dazwischenkommt, kein schneller Kommentar im Kopf darüber, was gerade richtig oder falsch, produktiv oder verschwendet ist. Einfach: Stehen. Sehen. Atmen.
Ich habe diesen Zustand nicht herbeigeführt. Er kam, weil ich lange genug still stand, damit er kommen konnte.
Was der Körper weiß, bevor der Kopf es versteht
In einem früheren Beitrag dieser Serie habe ich über den Unterschied zwischen Wissen und Wahrnehmen geschrieben. Auf der Blumenwiese habe ich verstanden, was das konkret bedeutet.
Mein Kopf wusste längst, dass ich Pausen brauche. Diese Information war nicht neu. Was neu war: Mein Körper hat es in diesem Moment nicht gewusst, sondern gespürt. Ein Unterschied, der sich nicht erklären lässt, den man aber spürt, wenn er da ist.
Die Schultern werden leichter, nicht weil man sich vornimmt zu entspannen, sondern weil nichts mehr dagegenhält. Der Atem wird tiefer, ohne Anleitung. Der Blick bleibt länger an einer Sache hängen, weil es keinen Grund gibt weiterzuschauen.
Das ist keine Technik. Es ist ein Zustand, der entsteht, wenn genug Raum da ist, damit er entstehen kann. Und dieser Raum ist selten. Nicht nur weil wir ihn uns nicht nehmen wollen. Sondern vor allem, weil unser Alltag ihn kaum vorsieht.
Warum ich das erzähle
Ich hätte diesen Text auch anders schreiben können. Mit mehr Erklärung, mehr Einordnung, mehr systemischer Theorie. Aber ich glaube, manche Dinge verlieren genau dadurch, was sie eigentlich sind.
Das Stehen, die Blumenwiese, das Feld, die Bäume im Wind, das Nichtstun: Das war ein Moment. Und vielleicht ist die ehrlichste Art, darüber zu schreiben, ihn einfach so stehen zu lassen, wie er war.
Ich weiß nicht, ob dieser Zustand sich wiederholen lässt. Ich weiß nicht, ob ich ihn morgen wiederfinde. Aber ich weiß, dass er da war. Einmal, für ein paar Minuten, auf einer Blumenwiese, am Rand eines Weges, den ich vorher nicht kannte.
Haben Sie in letzter Zeit einen solchen Moment erlebt – und was hat ihn ermöglicht?
„Stille, in der alles da ist" ist eine Artikelserie für Menschen, die beruflich Verantwortung tragen und sich in diesem Sommer die Frage erlauben möchten, wer sie eigentlich sind, wenn niemand etwas von ihnen will. Sie erscheint in loser Folge bis Ende Juli 2026.
Ulrich Watermann, M.A. ist systemischer Berater, Changemanager und Senior Agile Coach beim LUVIA Institut. Zum LinkedIn-Profil





