Stille, in der alles da ist — eine systemische Artikelserie. (Teil 1 von 6)
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Ulrich Watermann, M.A., systemischer Berater und Changemanager beim LUVIA Institut, eröffnet mit diesem Beitrag seine sechsteilige Reflexionsreihe für Menschen, die beruflich Verantwortung tragen. Ausgangspunkt ist ein Moment, den viele kennen und den kaum jemand laut benennt.
Der erste Urlaubstag. Das Handy liegt auf dem Tisch, noch nicht ausgeschaltet, aber auch nicht mehr wirklich eingeschaltet. Die Aufgaben sind delegiert, die Abwesenheitsnotiz läuft. Und dann: nichts. Kein Meeting, das beginnt. Keine Entscheidung, die wartet. Keine Rolle, die besetzt werden muss.
Warum spüren viele Menschen am ersten Urlaubstag Unruhe statt Erleichterung? Was viele in diesem Moment spüren, ist nicht Erleichterung. Es ist Unruhe — eine seltsame, schwer zu greifende Unruhe, die sich manchmal als Langeweile tarnt, manchmal als schlechtes Gewissen, manchmal als das dumpfe Gefühl, etwas zu vergessen. Wer sich dabei ertappt, denkt meist: Ich muss lernen, besser abzuschalten. Ich bin nicht gut darin, Urlaub zu machen.
Vielleicht. Aber vielleicht ist diese Unruhe auch etwas anderes. Vielleicht ist sie ein Hinweis.
Nichtstun ist nicht Nichts
Was bedeutet Nichtstun aus systemischer Sicht? Nichtstun ist keine Leere, sondern eine notwendige Bedingung für sinnvolles Denken. Jenny Odell, amerikanische Autorin und Künstlerin, schreibt in ihrem Buch Nichts tun, dass das Nichtstun nur „vom Standpunkt kapitalistischer Produktivität aus gesehen nichts" ist. Nur von dort aus. Von einem anderen Standpunkt aus ist es etwas ganz anderes, denn, so Odell: „‚Nichts' ist weder Luxus noch Zeitverschwendung, sondern notwendiger Teil sinnvollen Denkens und Sprechens." Kein Luxus. Keine Zeitverschwendung. Sondern eine Bedingung.
Ulrich Watermann liest diesen Satz und denkt an die Menschen, mit denen er arbeitet. Führungskräfte, Selbstständige, Menschen, die Verantwortung tragen und das gut tun. Menschen, die gelernt haben, dass Wert durch Leistung entsteht. Dass Zeit, die nichts produziert, verlorene Zeit ist. Dass Innehalten ein Privileg ist, das man sich erst verdienen muss.
Was macht es mit einem Menschen, wenn er jahrelang nach diesem Maßstab lebt?
Der Kontext macht das Verhalten
Wie hängen Kontext und Verhalten zusammen? Die systemische Perspektive hat darauf eine nüchterne Antwort, die zunächst wenig tröstlich klingt: Verhalten entsteht nicht im Charakter. Es entsteht im Kontext — also in den Rollen, Erwartungen und Regeln, die eine Situation an eine Person heranträgt. Wer im Büro funktioniert, tut das nicht, weil er ein bestimmter Mensch ist. Er tut es, weil der Kontext genau das von ihm verlangt und weil er gelernt hat zu liefern, was der Kontext braucht. Die Rolle formt das Verhalten. Der Kontext macht den Menschen, zumindest einen Teil von ihm.
„Wer bist du, wenn der Kontext wegfällt? Wenn keine Rolle besetzt werden muss, keine Erwartung erfüllt, kein Ergebnis geliefert?"
Wer bin ich, wenn der berufliche Kontext wegfällt? Diese Frage bekommt im Alltag selten Raum — gerade weil der Kontext meist gar nicht wegfällt. Erst wenn der Lärm aufhört, nicht weil etwas fehlt, sondern weil plötzlich Raum da ist, wird sichtbar, wie sehr das eigene Verhalten an eine Rolle gebunden war.
Stille als Anwesenheit
Gordon Hempton, Akustiker und Stille-Forscher, trifft folgende Aussage: „Silence is not the absence of something, but the presence of everything" — auf Deutsch: „Stille ist nicht die Abwesenheit von etwas, sondern die Gegenwart von allem."
Dieser Satz ist außerordentlich präzise. Nicht als Poesie, sondern als Beschreibung eines Zustands, den viele Menschen im Urlaub zum ersten Mal seit Monaten erfahren. Der Zustand, in dem das, was sonst durch Lärm, Tempo und Anforderung überdeckt wird, wieder hörbar wird. Eigene Gedanken. Eigene Impulse. Eigene Fragen.
Nicht die Fragen, die der Kontext stellt. Die eigenen.
Was die Unruhe wirklich bedeutet
Die Unruhe am ersten Urlaubstag ist, systemisch betrachtet, kein Versagen. Sie ist das Signal eines Systems, das sich neu kalibriert. Das gelernt hat, auf Außenreize zu reagieren, und nun feststellt: Die Reize fehlen. Was jetzt?
Das ist kein Problem. Das ist der Anfang von etwas.
Was genau, das lässt sich nicht vorhersagen. Und das ist, in einer Zeit, in der Nicht-Prognostizierbarkeit zum Dauerzustand geworden ist, vielleicht die wichtigste Übung überhaupt: aushalten, dass etwas entsteht, ohne zu wissen, was es wird.
Der Urlaub ist dafür ein guter Ort. Nicht weil er Erholung bringt. Sondern weil er, wenn man ihn lässt, Stille bringt. Und in der Stille, das hat Hempton verstanden, ist alles da.
Auch du.
Quellen
Odell, J. (2025): Nichts tun. Die Kunst, sich der Aufmerksamkeitsökonomie zu entziehen. S. 10, 29.
Hempton, G.: Welcome to One Square Inch: A Sanctuary for Silence at Olympic National Park. onesquareinch.org (zuletzt eingesehen am 16.06.2026).
Stille, in der alles da ist — eine systemische Artikelserie. (Teil 1 von 6) Eine Reflexionsreihe für Menschen, die beruflich Verantwortung tragen und sich in diesem Sommer die Frage erlauben möchten, wer sie eigentlich sind, wenn niemand etwas von ihnen will. Erschienen auf LinkedIn, Juni 2026.
Ulrich Watermann, M.A. ist systemischer Berater, Changemanager und Senior Agile Coach beim LUVIA Institut. Er begleitet Führungskräfte und Organisationen in Veränderungs- und Entwicklungsprozessen.
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