Stille, in der alles da ist — eine systemische Artikelserie. (Teil 2 von 6)
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Ulrich Watermann, M.A., systemischer Berater und Changemanager beim LUVIA Institut, geht in Teil 2 dieser Reflexionsreihe der Frage nach, warum wir im Büro eine andere Person sind als zuhause — und warum das kein Widerspruch ist.
Es ist Dienstagvormittag, kurz vor zehn. Sie sitzt am Kopf des Tisches. Das Team wartet. Drei Punkte auf der Agenda, zwei davon heikel. Sie spricht ruhig, aber klar. Keine unnötigen Worte, keine Umwege. Eine Entscheidung fällt, eine andere wird vertagt, eine dritte delegiert. Vierzig Minuten später verlässt sie den Raum.
Sechs Stunden später sitzt sie auf dem Küchenboden. Ihr Sohn hat Bauklötze aufgestapelt, so hoch er kann, und wartet darauf, dass sie einstürzen. Sie lacht. Sie baut mit. Sie hat keine Agenda.
Dieselbe Person. Zwei vollkommen verschiedene Menschen.
Wer das an sich selbst beobachtet, denkt oft: Irgendetwas stimmt nicht. Bin ich unecht? Spiele ich Rollen? Weiß ich überhaupt, wer ich bin? Vielleicht ist das die falsche Frage.
Was der Kontext mit uns macht
Warum verhält sich eine Person im Büro anders als zuhause? Die systemische Perspektive hat für dieses Phänomen eine nüchterne, aber entlastende Erklärung: Verhalten ist keine stabile Eigenschaft einer Person. Es ist kontextuell, situationsspezifisch, relational. Wie wir uns verhalten, hängt nicht allein davon ab, wer wir sind — es hängt davon ab, wo wir sind, mit wem, unter welchen Regeln, Erwartungen und unausgesprochenen Vereinbarungen. Dieselben Menschen handeln in unterschiedlichen Kontexten dramatisch unterschiedlich, nicht weil sie unecht sind, sondern weil Kontext und Verhalten in ständiger Wechselwirkung stehen.
Das ist kein neuer Gedanke. Aber er wird im Alltag erstaunlich selten zu Ende gedacht.
In der Arbeit mit Menschen, die beruflich Verantwortung tragen, begegnet Ulrich Watermann diesem Muster regelmäßig: Jemand beschreibt sich als ungeduldig, als zu hart, als zu wenig empathisch — und meint damit fast immer: so wie er im Büro ist. Als wäre das Büro der eigentliche Ort, an dem der wahre Charakter sichtbar wird. Als wäre alles andere Ausnahme.
Aber warum sollte das Büro wahrer sein als der Küchenboden?
Die Bedeutung liegt im Kontext, nicht im Verhalten selbst
Was bedeutet es systemisch, dass Verhalten kontextuell ist? Es bedeutet, dass Verhalten nie für sich allein lesbar ist. Dieselbe Geste, dasselbe Wort, dieselbe Entscheidung kann in einem Kontext Stärke bedeuten und in einem anderen Rücksichtslosigkeit. Der Kontext ist der Interpret — und wer nur das Verhalten beobachtet, ohne den Kontext zu sehen, versteht nur die halbe Geschichte.
Das klingt abstrakt. Ist es aber nicht. Wer im Meeting schweigt, gilt als nachdenklich oder desinteressiert — je nachdem, welche Erwartungen der Kontext mitbringt. Wer in einer Krisensitzung laut wird, gilt als Führungspersönlichkeit oder als Problem — je nachdem, welche Kommunikationsregeln das System kennt. Dasselbe Verhalten, vollkommen verschiedene Bedeutung.
Ist das Verhalten im Meeting der wahre Charakter einer Person? Nein — und die systemische Perspektive macht deutlich, warum nicht. Das Meeting-Verhalten ist eine Antwort auf den Meeting-Kontext: auf Hierarchien, Erwartungen, Zeitdruck, unausgesprochene Regeln. Wer auf dem Küchenboden Bauklötze stapelt, ist nicht weniger kompetent als im Meeting. Er ist in einem anderen Kontext — einem, der andere Dinge von ihm verlangt und andere Dinge in ihm freisetzt.
„Verhalten ist keine stabile Eigenschaft einer Person. Es ist eine Antwort auf den Kontext. Und diese Antwort verändert sich, wenn sich der Kontext verändert."
Was das verändert
Wenn Verhalten nicht Charakter ist, sondern Kontext, dann verschiebt sich eine entscheidende Frage. Nicht mehr: Was stimmt nicht mit mir? Sondern: Was macht dieser Kontext mit mir?
Das ist kein Freifahrtschein. Es entbindet niemanden von Verantwortung für das eigene Handeln. Aber es ist ein anderer Ausgangspunkt — einer, der mehr Spielraum lässt, der weniger verurteilt und mehr versteht.
Welche Frage sollten Führungskräfte sich über ihre Arbeitskontexte stellen? Wenn der Kontext das Verhalten formt, dann lohnt es sich zu fragen: Welche Kontexte gestalte ich bewusst? Welche nehme ich einfach hin? Und welche erschöpfen mich, weil sie dauerhaft etwas von mir verlangen, das sich nicht wie ich anfühlt? Das sind keine Fragen für das nächste Meeting. Aber vielleicht für diesen Sommer.
Stille, in der alles da ist — eine systemische Artikelserie. (Teil 2 von 6) Eine Reflexionsreihe für Menschen, die beruflich Verantwortung tragen und sich in diesem Sommer die Frage erlauben möchten, wer sie eigentlich sind, wenn niemand etwas von ihnen will. Erschienen auf LinkedIn, Juni 2026.
Ulrich Watermann, M.A. ist systemischer Berater, Changemanager und Senior Agile Coach beim LUVIA Institut. Er begleitet Führungskräfte und Organisationen in Veränderungs- und Entwicklungsprozessen.
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